EUROPA HÄNGT SCHIEF
Pünktlich zum "Bad in der Menge" auf dem Marktplatz Aachens schaltete sich ein akustischer "Whirlpool" ein: aus mindestens 15 Kehlen ertönte unüberhörbar eine Viertelstunde lang ca.150 mal:
"Europa hängt schief, wie Grünenthal!
Gleiche Abfindung! Überall!"
Im Hintergrund stand gut einsehbar für die Promis die schiefe Grünenthal-Contergan-Waage mit hunderten Schaulustigen drumherum, die über Flugblätter gut informiert waren, worum es hier ging.
Daß nämlich Michael Wirtz von der Firma Grünenthal im Karlpreis-Direktorium sitzt und Europa feiert, während die Contergan-Opfer europaweit höchst unterschiedlich und ohne Ausnahme viel zu schlecht abgefunden werden.
Daß zum Beispiel die Betroffenen in Spanien bis heute keinen Cent erhalten haben, weil sich Grünenthal bis heute hinter der Lüge des Faschisten Franco versteckt, es habe in Spanien kein Contergan gegeben.
Die anschließende Demo zum Landgericht, dem Kennedypark und dem Werk Grünenthal war dann sozusagen das Sahnehäubchen obendrauf.
Eingerahmt von zwei Polizeifahrzeugen fuhr der Feuerwehr-Transit mit der Waage auf dem Anhänger voraus und die gut behängte große Feuerwehr hinterdrein. Dazwischen sehr relaxed und souverän unsere kleine aber sehr, sehr feine Gruppe von ca. 20 Betroffenen und Symphis.
Kann man mehr von einem 13. Mai erwarten, der mit knapp 5 Grad Celsius begonnen und ausnahmsweise den Regen mal kurz eingestellt hatte?
Ich finde: NEIN!
Von Nord (Borken), Süd (München) und Ost (Dortmund, Bochum) brachten wir mehrere Tausend Kilometer Anfahrts-Strecke zusammen und vertraten damit bundesweit einige tausend Betroffene, die gerne dabei gewesen wären, aber aus den verschiedensten Gründen nicht gekonnt hatten.
Und es waren aus diesen Richtungen nicht nur die Personen, sondern mit ihnen auch Plakate, Nudelsalate, Frikadellen, heißer Kaffee, etc. angereist.
Wie gesagt: eine sehr, sehr feine Gruppe, die eine Menge Perspektive für die Zukunft bietet.
Zum Beispiel zum Internationalen CHIO in Aachen.
Auch hier baden sich die Grünenthaler gerne in der "High Society" Aachens und werden sehr ungern daran erinnert, daß doch Contergan "zu ihrer Firmengeschichte gehört", wie sie durchaus selbstkritisch, aber äußerst versteckt, auf ihrer eigenen Homepage vermerken.
Von dieser Homepage (grunenthal.com) kommen seit Himmelfahrt täglich 10 bis 20 Besucher auf unsere Homepage. Ob es Michael Wirtz persönlich ist oder "nur" seine Werbe-Manager sei dahingestellt. Aber es macht Mut und Hoffnung. Schließlich fängt ein vernünftiger Dialog nicht ohne "Zuhören" an.
Dieser Himmelfahrtstag hat eine Menge bewegt.
Zunächst einmal uns selber, die wir vor einem halben Jahr mit den Vorbereitungen angefangen hatten und im Verlaufe dessen unschätzbare Erfahrungen gemacht haben. Allein die Anmeldung dieser "Versammlung" war ein Erlebnis der besonderen Art. Selten soviel Sympathie und gleichzeitig Stolpersteine zwischen die Beine geworfen bekommen.
Das Größte an dieser Aktion war dann am Tag selber die Truppe, die trotz Kälte und Regen im äußersten Westen der Republik zusammengekommen ist. Auf die kann man sich verlassen. Bei denen weiß man, woran man ist. Die haben Biss und wissen ihre Mitbetroffenen solidarisch zu vertreten.
Viele haben uns zugemailt, daß sie liebend gerne gekommen wären, aber hunderte Kilometer, Kosten, Termine und nicht zuletzt auch fehlende Gesundheit im Wege standen.
Vielen, vielen Dank all denen! Wir haben gerne, wirklich gerne für Euch mit demonstriert und werden dies auch beim nächsten Mal genauso wieder tun.
Wir werden nun schauen, daß sich der Aufwand mit der Waage noch eine Weile weiter lohnt. Mit anderen Worten: wir werden mit dem Anhänger noch eine Weile in der Stadt rumfahren und ihn vor Grünenthal und an anderen passenden Plätzen abstellen.
Dies werden wir natürlich nicht "unbewacht" machen können, sonst ist die Waage plötzlich so lädiert wie Grünenthal.
Viele Grüße und nochmal vielen Dank
Moni und Rainer
P.S.
Ein ganz besonderer Dank geht noch an Ole und Jörg. Letzterer baute die Waage und Ole pinkelte mit gehobenem Bein sehr gezielt und gut gegen Grünenthal. Euch beiden wirklich besten Dank!
P.P.S.
Sobald der Film fertig ist, wird er im Zuge einer netten Fete in Aachen gezeigt. In diesem Zusammenhang schon mal besten Dank an Luise und Thilo, die einige Terrabyte verfilmt haben dürften.
P.P.P.S. In den Aachener Nachrichten hat Herr Mönch (!) uns verehelicht. Wir finden den Gedanken nicht schlecht, betrachten auch dies als einen der vielen Erfolge dieses großartigen Tages und bereiten für den (heißen) Herbst schon mal eine entsprechende Fete vor.